Der Dekalog

Der Dekalog


Lesepredigt zu den zehn Geboten

Von Klaus Grünwaldt

Foto: falco/pixabay.com

Liebe Gemeinde,

was ist Ihr Bild von Gott? Ich weiß: Es heißt in der Bibel, in den 10 Geboten, wir sollen uns kein Gottesbild machen. Aber das gilt ja für Statuen von Göttern oder von dem einen Gott. Innere Bilder, Bilder in unserem Herzen oder unserem Kopf sind damit nicht gemeint. Und Hand auf Herz: Wer hätte nicht ein solches Bild oder Bilder von Gott im Kopf und im Herzen!

Solche Gottesbilder werden oft in der Kindheit angelegt. Vielleicht sind manche von Ihnen damit aufgewachsen, dass ihnen gesagt wurde: „Gott sieht alles.“ Big Brother, der in die hintersten Winkel meines Zimmers und meines Herzens sehen kann. Da fühlt man sich beobachtet oder bekommt Angst, wenn man etwas falsch macht. Wird Gott mich jetzt bestrafen?

Mit einem solchen Gottesbild ist oftmals das Bild verbunden, das Gott als einen strengen, fordernden und gebietenden Gott darstellt. Gott ist der, der seine Gebote gibt. Und der dann verlangt, dass man sich daran hält. Wer sich an die Gebote hält, den liebt er. Und wer sich nicht daran hält, den straft er. Wie es Eltern, Väter Jahrhunderte lang getan haben und – wer weiß! – noch heute tun.

Und ist das nicht gerecht? Ist es nicht in Ordnung, wenn es belohnt wird, dass man Gutes tut? Und dass es nicht einfach so hingenommen wird, wenn man sich gegen Recht und Ordnung auflehnt?

Das Bild eines solchen Gottes, der gebietet und straft, finden viele besonders im Alten Testament. Und dieses Bild wird dann gerne mit dem Bild des Gottes verglichen, den Jesus uns nahe gebracht hat: dem Gott der Liebe, der Nächstenliebe, der Vergebung. Und unter der Hand haben wir zwei unterschiedliche, ja einander scheinbar widersprechende Gottesbilder vor uns und fühlen uns vor eine Entscheidung gestellt: Mit welchem Gott wollen wir leben? Und viele entscheiden sich dann für den lieben Gott Jesu – und geben dem strengen Gott des Alten Testaments den Abschied.

Und erleben das für sich als eine Befreiung.

Nicht wenige psychologische Bücher erzählen von einer solchen Befreiung. Tilman Mosers Gottesvergiftung zum Beispiel. Aber manchmal gehen solche Verabschiedungen auch ganz undramatisch vor sich oder auch ganz unbewusst. Man liest das Alte Testament einfach nicht mehr, und es wird uns darüber fern und fremd. Das Neue Testament ist doch das christliche Buch, und an Jesus sollen wir uns halten, oder?

Was also soll daran falsch sein?

Ich lese einen Teil unseres Predigttextes für heute: den Anfang der Zehn Gebote. Sie stehen im 2. Mosebuch im 20. Kapitel:
1 Und Gott redete alle diese Worte:
2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Und dann folgen die anderen Gebote. Wir kennen sie im Wesentlichen: den Namen nicht missbrauchen, den Feiertag heiligen, die Eltern ehren, nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis reden und nicht begehren, was jemand anderem gehört.

Und es ist interessant, dass unsere Kultur, unsere Gesellschaft und unsere Gesetzgebung im Großen und Ganzen diesen Geboten folgen. Sie haben ein ganz ordentliches Image.

Aber das Gottesbild: ist es nicht wieder das, was wir vorhin beschrieben hatten: der strafende, der fordernde Gott, der die Guten belohnt und die Bösen verfolgt?

Aber beginnen wir ganz vorne. Wie fangen die Zehn Gebote an? Wenn wir dahin schauen, erleben wir eine Überraschung: die 10 Gebote fangen gar nicht mit einem Gebot an. Sondern damit, dass dieser Gott etwas über sich erzählt. Sich in Erinnerung bringt. Seine Geschichte mit dem Gottesvolk in Erinnerung bringt. Und damit will er sagen:

‚Bitte bedenkt, wer es ist, der hier und im Folgenden mit Euch redet. Wir haben schon eine Geschichte miteinander. Und dies ist nicht irgendeine Geschichte, sondern das ist Eure Befreiungsgeschichte:

Ich, der Herr, der Euch aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt hat: ich bin es, der hier zu Euch spricht!‘

Wo Gott mit uns spricht, wo er so mit uns spricht, dass er uns ein Gebot gibt, da gibt er es nicht in den luftleeren Raum hinein. Sondern der Raum, in den hinein er uns etwas gebietet, ist längst gefüllt mit unserer Geschichte mit diesem Gott. Wir sind kein unbeschriebenes Blatt für ihn, sondern auf unserem „Blatt“ steht schon eine ganze Menge: dass er unser Gott ist – und das heißt für mich: dass er unsere Gemeinschaft sucht. Er spricht zu uns und wartet auf unsere Antwort – in Wort und Tat. Der Psalmbeter sagt das so: Gott hat Lust auf uns Menschen. Das Gottesvolk Israel hat er aus der Gefangenschaft befreit, um es zu seinem Volk zu machen. Vier Kapitel später schließt er einen Bund mit diesem Volk.

Aber dieser Bund bedeutet auch einen Anspruch an uns. Er will nicht, dass wir andere Götter verehren. Er weiß, dass es andere Götter gibt, die um unser Herz buhlen. Denn Gott ist ja – wie Luther das so genial gesagt hatte – woran wir unser Herz hängen. Wovon wir unser Leben bestimmen lassen.

Und ebenso wenig will er, dass wir uns von diesen anderen Göttern, die wir verehren, Bilder machen, um diese dann anzubeten. Idolatrie heißt das mit einem Fremdwort, und solche Bilder nennt man dann Idole. Nicht zu verwechseln mit Vorbildern. Sein Volk soll nicht diese Bilder und durch diese Bilder andere Götter anbeten, nicht diesen Bildern und damit anderen Göttern soll es dienen, sondern ihm, dem Herrn, allein.

Und dann kommen diese Sätze, die uns irgendwie verräterisch klingen: „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.“

Ist Gott eifersüchtig wie ein Ehemann? Hat er das nötig? Muss er drohen, damit man zu ihm hält? Und ist das nicht schlimm, wenn er nicht nur die verfolgt, die tatsächlich Böses tun, sondern auch noch die Kinder und Kindeskinder? Das ist doch schlimm! So einem Gott kann man doch nur den Abschied geben, sich befreien von ihm!

Ich kann es gut verstehen, dass man so denkt, wenn man das hört oder liest. Aber dann frage ich mich: Wer spricht hier eigentlich? Wessen Worte sind es, die ich hier lese? Wer hat sie geschrieben? Und mir wird klar: Da spricht Israel, das Gottesvolk. Es spricht seine Erfahrung aus, die es mit Gott in seiner Geschichte gemacht hat. Das Gottesvolk denkt über seine Geschichte nach, es deutet seine Geschichte. Und es geht mir auf, dass dies nicht Worte der Drohung sind, sondern Worte der Erkenntnis. Genauer noch: Worte der Buße, der Reue. Denn dieses Gottesvolk sagt zwischen den Zeilen: Wir haben uns nicht an diese ersten, diese entscheidenden, diese grundlegenden Gebote gehalten. Und dafür haben wir gebüßt. Wir sind in Gefangenschaft gewesen – in Ägypten, in Babylonien. Warum? Das war kein Zufall, auch kein innerweltliches, rein politisches Geschehen. Wenn Gott diese Welt lenkt, hat er an uns gehandelt: weil wir gesündigt haben. Und das war keine kurze Zeit, die wir in Gefangenschaft gewesen sind. Es waren mehrere Generationen, die es gedauert hat, bis wir frei gekommen sind.

So verstehe ich diese Worte. Nicht als Drohung, sondern als Deutung der eigenen Geschichte.

Und mir wird klar, dass ein solches Denken eine Parallele in unserer eigenen Geschichte haben könnte: Auch wir Nachgeborenen können sagen, dass wir mehrere Generationen lang für etwas gelitten haben, was unsere Väter getan haben: mit der Teilung unseres Landes nämlich, mit der Trennung von Deutschland und Deutschland. Erst 1989/90, 45 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ist das geheilt worden. Nicht wenige haben damals die Wiedervereinigung religiös gedeutet. So, wie Israel seine Geschichte deutet.

Die Deutung der Geschichte, das Bekenntnis der eigenen Schuld schlägt in dem Gotteswort aus dem Alten Testament um: in eine riesige Verheißung. „… und ich – Gott – tue Barmherzigkeit den vielen Tausenden …“ Die Schuld der Väter ist bezahlt, die Generationen der Gefangenschaft haben das Leid hinter sich gebracht. Jetzt wird nach vorne geschaut. Und was sich dort abzeichnet, ist ein großes Hoffnungsgemälde: Das Gemälde eines Gottes, der unzählige Generationen lang denen, die mit ihm auf dem Weg sind, in Liebe und Barmherzigkeit verbunden ist.

Ja, es ist schon richtig: es spielt eine Rolle, wie wir uns verhalten. Gott ist es nicht egal, ob wir nach seinen Geboten leben oder nicht. Israel hat es gespürt und hat die Gefangenschaften als verdiente Folge seiner Abkehr von Gott gedeutet. Aber als Konsequenz daraus hat es sich nicht empört oder ängstlich von Gott abgewendet, sondern fröhlich, mutig und voller Zuversicht nach vorne geschaut. Und hat diesen Gott nicht nur als mächtigen Befreier, sondern als Barmherzigen gepriesen. Und hat seine Gebote nicht als neue Gefangenschaft oder als Luft abschnürendes Korsett gesehen, sondern sich gefreut über diese hilfreiche, gerechte, freundliche, kluge Wegweisung durchs Leben mit Gott und in seinem Volk. Und wer mehr über diese spannende Geschichte dieses wunderbaren Gottes mit seinem Volk erfahren will, der lese die Bibel – und beginne mit dem Ersten, dem Alten Testament, diesem wunderbar vielfältigen, bunten, reichen, poetischen Buch vom gnädigen, barmherzigen und liebenden – und manchmal auch zornigen Gott: dem Gott, den Jesus dann seinen Vater nennt.

Ich wünsche uns, dass auch wir unseren Gott als einen Befreier erfahren; und ich wünsche uns, dass auch wir seine Gebote als gute Wegweisung erleben – und danach leben.
Amen

 

Überblick

Zielgruppe: Gottesdienstgemeinde

Alternative Zielgruppen: Kreise
und Gruppen in der Gemeinde

Einsatzgebiet: Gottesdienst

Zeitumfang: ca. 15 Minuten

Material: -

Der Autor

Dr. Klaus Grünwaldt ist als Oberlandeskirchenrat Referent für Theologie, Gottesdienst und Kirchenmusik im Landeskirchenamt der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und Honorarprofessor für Altes Testament an der Leibniz Universität Hannover.