Stolpersteine

Stolpersteine

Ein Gedenkgang mit Konfirmandinnen und Konfirmanden

Von Carolin Kalbhenn

Konfirmandinnen und Konfirmanden suchen Stolpersteine im
Gemeindegebiet auf und machen sich mit den Biographien
ehemaliger jüdischer Mitbürger vertraut.

Foto: Karin Richert

Unsere Gemeinde liegt am Rand der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen. Bis zum Krieg war unser Stadtteil ein ländlich geprägter Vorort mit einer eigenen jüdischen Gemeinde, deren Ursprünge ins 17. Jahrhundert zurückgehen. 1933 zählte die Gemeinde noch etwa 30 Personen. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht geschändet, Thorarollen und Inneneinrichtung verbrannt. Etwa der Hälfte der jüdischen Bewohner gelang die rechtzeitige Emigration, die Verbliebenen wurden im September 1942 deportiert.1  Die Erinnerungen an sie sind allerdings erstaunlich lebendig. Insbesondere der jüdische Arzt, der bis zu seiner Deportation verbotenerweise für die Menschen im Ort da war, wenn er gebraucht wurde, ist in den Erzählungen der Alten noch präsent. Einer Initiative engagierter Bürgerinnen und Bürger ist es zu verdanken, dass in den Jahren 2008/09 insgesamt 10 Stolpersteine in unserem Stadtteil verlegt werden konnten.2

Zum 70. Jahrestag der Deportation haben wir zum ersten Mal mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden einen Gedenkgang zu den Stolpersteinen im Gemeindegebiet unternommen. Inzwischen gehört er zu unserem regulären Programm. Wir bereiten ihn in einer mehrstündigen Einheit gemeinsam vor. Interessierte Gemeindeglieder sind zu dem Gedenkgang eingeladen. Wir führen das Projekt in Kooperation mit Menschen durch, die die Verlegung von Stolpersteinen bei uns initiiert haben. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden können sie in der Vorbereitung auf den Rundgang als Interviewpartner/innen zu den Biographien der ehemaligen jüdischen Mitbürger/innen in Anspruch nehmen. Als Material dient uns außerdem eine schriftliche Sammlung von Zeitzeugnissen, die vor Jahren als Reihe in unserem Gemeindebrief erschienen ist.

1. Stunde (60 Minuten)

In der Regel bringen nur einzelne Konfirmanden und Konfirmandinnen Vorkenntnisse zum Thema „Shoah“ mit. Im Geschichtsunterricht wird die Zeit des Nationalsozialismus erst später behandelt. Die erste Stunde des Projekts muss also eine Einführung in die Zeit leisten, ohne dass Details und Hintergründe in der Tiefe erarbeitet werden können. Ich wähle daher neben einem Zeitstrahl mit den wichtigsten Eckpunkten Zeitzeugentexte, die von den Konfirmandinnen und Konfirmanden in Gruppen erarbeitet werden. Die daraus sich ergebenden Fragen werden dann im Plenum besprochen.

Dauer Inhalt Ablauf Material
10 Min. Sammeln von Fragen und evtl. Vorkenntnissen Ein Bild des Gedenksteins für die jüdische Gemeinde unseres Stadtteils wird gezeigt. Die Konfis lesen den Text und äußern ihre  Assoziationen und Fragen.
Diese werden auf Zetteln gesammelt.
 
Bild/Foto, das Fragen provoziert (M1)
10 Min. Information über wichtige Stationen auf dem Weg zur Verfolgung und Vernichtung von Juden und Jüdinnen von 1933-45 Ein Zeitstrahl wird gemeinsam gelesen, ggf. wird Unklares erklärt.
Die Fragen und Assoziationen der Konfis werden – soweit möglich – auf dem Zeitstrahl eingeordnet
 
Zeitstrahl (M2)
15 Min. Anhand persönlicher Zeugnisse vertiefen die Konfis die Informationen In Arbeitsgruppen werden Zeitzeugenberichte gelesen und anhand von Fragen so aufbereitet, dass sie der Gesamtgruppe später vorgestellt werden können Zeitzeugenberichte (M3)
20 Min. Präsentation Die einzelnen Arbeitsgruppen stellen ihre Arbeitsergebnisse vor.  
5 Min. Abschlussrunde Jeder formuliert in einem Satz, welche Information/welches neue Wissen ihn jetzt noch am meisten beschäftigt.  

Hausaufgabe: Die Konfirmandinnen und Konfirmanden bekommen den Arbeitsauftrag sich auf der Homepage von Gunther Demnig über das Projekt „Stolpersteine“ zu informieren.

2. Stunde (90 Minuten)
Vorbereitung: Auf einem Stadtplan sind die Stolpersteine im Gemeindegebiet markiert. Die/der Unterrichtende hat selbst Informationen zu den Biographien der Menschen gesammelt, für die es im Gemeindegebiet Stolpersteine gibt. Gute Ansprechpartner/innen, die Materialien bereitstellen können, sind die Initiator/inn/en der Stolperstein-Verlegungen. Möglicherweise ist dadurch auch bereits ein Kontakt hergestellt zu möglichen Interviewpartnern für die Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie zu den Bewohnern der Häuser, vor denen Stolpersteine verlegt wurden.
 

Dauer Inhalt Ablauf Material
10 Min. Sammeln der Informationen zum Projekt Stolpersteine von Gunter Demnig Das Bild eines Stolpersteins wird auf eine mit Packpapier beklebte Wandfläche projiziert. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden können nun die mitgebrachten Informationen zum Projekt Stolpersteine rund um das projizierte Bild schreiben.
Fragen evtl. in anderer Farbe schreiben lassen!
Foto eines Stolpersteins, Laptop, Beamer,
Packpapier,
Stifte
5 Min.   Im Gespräch offene Fragen klären, ggf. Informationen zu den Stolpersteinen nachreichen  
5 Min. Einteilung von Arbeitsgruppen Der/die Unterrichtende zeigt den Stadtplan mit den Markierungen. Die Konfis ordnen sich je einem Stolperstein zu.  
60 Min.   In kleinen Gruppen werden die bereitgestellten Informationen gelesen. Die Konfis überlegen, welche Informationen sie noch benötigen, um ihre Person vorstellen zu können und sammeln ihre Fragen.
Sie suchen den Stolperstein auf und machen Fotos, evtl. kommen sie mit den heutigen Bewohnern der Häuser in Kontakt.
Vorbereiteter Stadtplan
10 Min.   Abschlussrunde:
Was habe ich heute erlebt?
Was ist mir aufgefallen?
Was hat mich beeindruckt?
 

Hausaufgabe: Sollten Interviewpartner/innen zur Verfügung stehen, sollen bis zur nächsten Woche die Interviews geführt sein.

3. Stunde (90 Minuten)
Der Unterricht hat heute Werkstattcharakter. Plakate, Eddings, Scheren und Kleber sind bereit gelegt. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden gestalten mit ihren Informationen aus der 2. Stunde und ihren Fotos Plakate und bereiten eine kurze Präsentation vor. Gemeinsam wird am Ende dieser Stunde die Route für den Rundgang festgelegt. Ggf. kann eine Einladung für die Eltern oder ein Plakat für den Schaukasten mit einer Einladung für andere Interessierte gestaltet werden.

Am Ende der Unterrichtsstunde wird gemeinsam überlegt, wie das Erinnern an den Stolpersteinen gestaltet werden kann. Soll eine Kerze für jedes Opfer entzündet werden? Soll eine Blume mitgebracht und niedergelegt werden? Die Gruppe einigt sich auf eine gemeinsame Form.

4. Stunde (90 Minuten)
Gemeinsam werden die Stolpersteine im Gemeindegebiet aufgesucht. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden informieren sich gegenseitig über die Schicksale der dort erinnerten Menschen. Jede Vorstellung endet mit einem Moment des Gedenkens und Erinnerns in der von den Konfirmandinnen und Konfirmanden in der vorhergehenden Stunde verabredeten Form.

Der Gedenkgang kann mit einer Runde aller Beteiligten im Gemeindehaus enden, bei der noch einmal die Gelegenheit ist, Eindrücke auszutauschen. 

1  Vgl. Abraham Bar Menachem, Bitterer Vergangenheit zum Trotz. Lebenserinnerungen, Reden eines Israelis aus Hessen, Frankfurt a. M./Leipzig 1992, S. 28ff.

2  Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Gie%C3%9Fen (Link zuletzt geprüft am 23.07.2015).
 

 

Überblick

Zielgruppe: Konfirmandinnen und Konfirmanden

Alternative Zielgruppen: Jugendgruppe, Erwachsenengruppe

Einsatzgebiet: Konfirmandenunterricht, andere Gruppen und Kreise

Zeitumfang: mindestens vier Unterrichtsstunden à 90 Minuten

Material: Informationen zu den Menschen, für die in der Gemeinde Stolpersteine verlegt sind

Die Autorin

Carolin Kalbhenn ist Pfarrerin in  der Michaelsgemeinde in Gießen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.