Antisemitismus in Deutschland

Antisemitismus in Deutschland

Ein Gesprächsabend

Von Henning Busse und Maik Schwarz


Antisemitismus wird im öffentlichen Leben immer öfter sichtbar. Bei diesem Themenabend geht es darum, wie Antisemitismus erkannt und angemessen darauf reagiert werden kann.
 

Foto: Patrick Daxenbichler/fotolia.de

Ablauf

  •  Antisemitismus wahrnehmen (Einstieg: 10 Minuten)
  • Antisemitismus verstehen (Kurzreferat: 10 Minuten)
  • Antisemitismus erkennen (Gruppenarbeit: 30 Minuten)
  • Antisemitismus entgegnen (Gruppenarbeit: 40 Minuten)
     

 1. Antisemitismus wahrnehmen (Einstieg: 10 Minuten)

Im öffentlichen Leben in Deutschland werden lange tabuisierte antisemitische Äußerungen immer häufiger sichtbar. Sei es am Beispiel des Angriffs auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter 2012, bei dem er vor den Augen seiner kleinen Tochter brutal zusammengeschlagen wurde, oder durch Graffiti an jüdischen Einrichtungen, sei es durch Foren-Kommentare im Internet, Plakate auf Demonstrationen oder durch Karikaturen in Zeitschriften und Zeitungen.

Nicht immer sind Antisemitismus oder antisemitische Stereotype so deutlich sichtbar wie bei der Aufschrift „Kindermörder Israel“, bei denen alte Ritualmordvorwürfe gegen Juden sowie Dämonisierung Israels und einseitige Fokussierung auf Israel bei der Suche nach Schuldigen im Nahostkonflikt mitschwingen. Eher verstecken sie sich hinter Argumenten, die auf mutmaßlichen Fakten beruhen, oder hinter unscheinbar wirkenden Bildern.

An dieser Stelle kann der Gruppe eine Karikatur vorgelegt werden mit der Bitte, sich zu folgender Fragestellung zu äußern:

  • An welchen Punkten kann in dieser Karikatur Antisemitismus ausgemacht werden?
  • Link zur Karikatur

Auflösung:
Das Motiv „Vergiften“ ist eines der traditionellen antijüdischen Stereotype und geht auf Anschuldigungen aus dem Mittelalter zurück, Juden würden Brunnen vergiften und damit für Pest und Seuchen verantwortlich sein. Außerdem wird Israel als alleiniger Schuldiger am Scheitern der Nahostfriedensgespräche dargestellt: Wenn Netanjahu nicht wäre und die Nahost-Friedens-Taube vergiften würde, könnte sie friedlich in der Umgebung leben. Hier wird das Existenzrecht Israels zumindest in Frage gestellt. Deutlicher noch ist die Dämonisierung (Israel bzw. Israels Regierungschef Netanjahu ist so gemein und skrupellos, dass es/er sogar unschuldige Tauben vergiftet) und es werden doppelte Standards angewendet, denn eine Schuld anderer Akteure im Nahostfriedensprozess wird nicht erwähnt.

Die grundsätzliche Kritik der Karikatur, dass der israelische Siedlungsbau im Westjordanland den Nahostfriedensprozess beeinträchtigt, ist natürlich legitim und wird so u. a. von den Vereinten Nationen auch verurteilt. Nur die Mittel, mit denen die Karikatur dies zu verdeutlichen sucht, weisen einige Merkmale von Antisemitismus auf.
Anhand der Besprechung der Karikatur soll deutlich werden: Antisemitismus ist mehr als stumpfe stereotype Charakterzuschreibung, wie die Jüdinnen und Juden seien, sondern sie äußert sich heute oft subtiler und tarnt sich z. B. als Kritik am Staat Israel.

2. Antisemitismus verstehen (Kurzreferat: 10 Minuten)¹
Antisemitische Äußerungen waren nach 1945 gesellschaftlich tabuisiert, doch die Stereotypen und Vorstellungen, die über Generationen von Kirche, Staat und Gesellschaft weitergetragen wurden, konnten natürlich nicht einfach aus den Köpfen der Menschen gelöscht werden. Schon bald fanden sich Artikulationsformen, wie Antisemitismus mehr oder weniger versteckt geäußert werden konnte, ohne dabei sofort als Antisemit/in verurteilt zu werden.

Um den heutigen Ausdrucksformen von Antisemitismus auf die Spur zu kommen, ist es notwendig, etwas von seiner Genese zu verstehen. Hier kann natürlich nur eine grobe Übersicht gegeben werden.

„Der Begriff 'Antisemitismus', der von politisch aktiven Judenfeinden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt wurde, ist der Linguistik entlehnt. Obwohl unter die sprachwissenschaftliche Definition von 'Semiten' Sprachen wie Hebräisch, Arabisch oder Aramäisch fallen, richtet sich der Terminus 'Antisemitismus' ausschließlich gegen Juden.“²  Eine allgemein anerkannte Definition von Antisemitismus gibt es nicht, auch weil sich Antisemitismus in unterschiedlichen Formen ausdrückt. Eine übergreifende Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Formen sehen die Verfasser/innen des Antisemitismusberichtes der Bundesregierung in der „Feindschaft gegen Juden aufgrund der angeblichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit der jeweiligen Individuen oder Institutionen zum Judentum,“³ wobei 'Feindschaft' eine große Bedeutungsspanne von vorurteilsbelasteten Denkmustern bis zu physischen Vernichtung hat. Eine wichtige Komponente zur Wahrnehmung von Antisemitismus liefert Schwenke, indem er den ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Kramer, zitiert: „Wenn das Jüdischsein als qualifizierende oder disqualifizierende Eigenart dargestellt wird, da zumindest beginnt [Antisemitismus].“4

Der Göttinger Politikwissenschaftler Salzborn nennt fünf Artikulationsvarianten von Antisemitismus, die er gegenwärtig in Europa feststellt: religiös-antijüdischen, völkisch-rassistischen, sekundär-schuldabweisenden, antizionistisch-antiisraelischen und arabisch-islamischen Antisemitismus.5

Der religiös-antijüdische Antisemitismus (Antijudaismus) ist die älteste Artikulationsform von Antisemitismus. Sie ist christlich motiviert und richtet sich zunächst gegen das Judentum als Religion. Viele antisemitische Bilder und Stereotype stammen aus dem christlich-antijüdisch geprägten Mythenkontext (z. B. Brunnenvergifter/Seuchenbringer; Kindermörder, um deren Blut für religiöse Praktiken zu gebrauchen; Christus-/Gottesmörder).6

Der völkisch-rassistische Antisemitismus entstand ungefähr im 16. Jahrhundert und unterscheidet sich darin vom Antijudaismus, dass ihm zufolge Jüdinnen und Juden durch die Konversion zum Christentum die ihnen zugeschriebenen negativen Eigenschaften nicht verlieren, sondern unweigerlich mit ihnen verbunden bleiben – die Taufe hilft nicht. Negative Charaktereigenschaften und Wesenszüge – so das Denkmuster – sind quasi in ihrem Gen-Pool verankert, so dass Jüdinnen und Juden gar nicht anders könnten als unstetig durch die Welt zu wandern, sich hinterlistig durch Handel und Wucher zu bereichern und im Hintergrund Verschwörungen zur Weltübernahme durch Kapitalismus, Kommunismus oder Zionismus einzufädeln.

Nach der Shoah tritt in Deutschland ein Mantel des Schweigens über das Thema Antisemitismus. Antisemitische Äußerungen im öffentlichen Leben werden geächtet und tabuisiert, aber eine Aufarbeitung des Themas findet nur sehr vereinzelt statt. Doch das antisemitische Gedankengut verschwindet nicht auf Knopfdruck aus den Köpfen der Menschen und wird ab 1945 im sekundären-schuldabwehrenden Antisemitismus sichtbar. Die stereotypen Zuschreibungen bleiben die gleichen, doch es kommt hinzu, dass die Frage nach der eigenen Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus und im Besonderen der Shoah relativiert wird. So äußert sich diese Form des Antisemitismus z. B. in rechtsextremen Gruppierungen durch eine geschichtsrevisionistische Lesart (Leugnung des Holocaust, Bagatellisierung der Verbrechen der Nationalsozialisten). Die linksextreme Seite äußert Antisemitismus z. B. durch Unterstützung völkischer Bewegungen, die als marginalisiert oder unterdrückt verstanden werden, wie zum Beispiel die Palästinenser/innen. Und die politische Mitte z. B. durch Ablehnung der moralischen und politischen Verantwortung für Nationalsozialismus und Shoah, inklusive finanzieller Zahlungen an den Staat Israel."7 Natürlich sind nicht alle Aussagen aus diesen Bereichen, z. B. das Eintreten für die Palästinenser_innen, per se antisemitisch, doch haben sich in Äußerungen der genannten Gruppen zu den spezifischen Themen beispielhaft immer wieder antisemitische Stereotype gezeigt.

Seit es den Staat Israel gibt, verstärkt aber ab den 1970er Jahren, äußert sich Antisemitismus auch in Form eines antizionistisch-antiisraelischen Antisemitismus. Die Stereotypen, die vorher den Jüdinnen und Juden zugeschrieben wurden (z. B. Christusmörder/innen, Weltverschwörer/innen, Weltbrandstifter/innen) werden als Umwegskommunikation nun dem Staat Israel zugeschrieben (z. B. Bedrohung des Weltfriedens, Inkaufnahme eines 3. Weltkrieges) und äußern sich in dem Bestreben, den Staat Israel zu kritisieren. Dass es diese antisemitisch gefärbte Form der Israelkritik gibt, bedeutet nicht, dass der Staat Israel nicht kritisiert werden darf. Es bedeutet aber, dass bei einer Kritik des Staates Israel darauf geachtet werden muss, dass er nach den gleichen Maßstäben beurteilt wird wie jeder andere Akteur im Nahost-Konflikt oder wie jeder andere Staat in der Welt auch. Gradmesser für Kritik am Staat Israel sind die „3 Ds“: Delegitimation (Absprechen des Existenzrechtes des Staates Israel), Dämonisierung (z. B. Vergleich des Staates Israel mit dem Dritten Reich) und doppelte Standards (Werden andere Staaten bei gleicher Politik genauso kritisiert wie Israel?). Trifft eines oder mehrere dieser Ds auf die Kritik am Staat Israels zu, ist sie antisemitisch.8

3. Antisemitismus erkennen (Gruppenarbeit: 30 Minuten)

Auf Grundlage des Kurzreferates sollen nun Forenkommentare aus dem Internet gemeinsam angeschaut und auf Antisemitismus untersucht werden. Es werden einige Beispiele vorgelegt, die in Kleingruppen oder in der Gesamtgruppe diskutiert werden können – entweder per Beamer an eine Leinwand geworfen oder auf Papier ausgedruckt verteilen.

Screenshot 1: https://nazienkel.wordpress.com/page/3/
 

Ziel dieser Gruppenarbeit ist, das zuvor im Kurzreferat Gehörte anzuwenden und dadurch ein differenzierteres und geschärftes Bild über antisemitische Äußerungen zu bekommen.
Antisemitische Äußerungen in den abgedruckten Facebook-Kommentaren (es werden nur einige Beispiele hervorgehoben):

  • Gleichsetzung von Verbrechen Nazi-Deutschlands gegen die Juden in der Shoah mit dem Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern im Nahost-Konflikt
  • Juden als raffgierig und skrupellos
  • Juden steuern im Hintergrund die Weltpolitik
http://johleut.blogspot.de/2014/07/bei-israel-ist-es-wieder-anders-rum.html

Screenshot 2:

  • Gleichsetzung von Verbrechen Nazi-Deutschlands gegen die Juden in der Shoah mit dem Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern im Nahost-Konflikt
  • sekundärer-schuldabwehrender Antisemitismus: Wenn die Israelis nicht besser sind als die Nazis damals, dann sind die Verbrechen der Deutschen gar nicht so schlimm. Die eigene Schuld wird relativiert, die Auseinandersetzung damit wird gescheut, bzw. als nicht notwendig dargestellt.


4. Antisemitismus entgegnen (Gruppenarbeit: 40 Minuten)
Im letzten Arbeitsschritt sollen praktische Möglichkeiten ausprobiert werden, wie Antisemitismus zurückgewiesen werden kann. Es werden 4 Szenarien vorgeschlagen, die in Kleingruppen (oder in der Großgruppe) als Rollenspiel bearbeitet werden können:

Szenario 1: Beim abendlichen Spaziergang komme ich an einer Synagoge/einem jüdischen Friedhof/einer jüdischen Einrichtung vorbei und sehe, wie ein ca. 15-jähriger Jugendlicher ein Hakenkreuz auf die Eingangstür/einen Grabstein sprayt. Ich rufe zu ihm: „Hallo? Was machst Du da?“ Er dreht sich um und guckt mich erschrocken an.

Szenario 2: In einem sozialen Netzwerk sehe ich, wie eine Freundin einen antisemitischen Kommentar postet. Einige Tage später sitzen wir bei einem Gartenfest in einer Gruppe zusammen und es kommt dazu, dass über den Nahost-Konflikt diskutiert wird. Nach einer kritischen Äußerung zum Staat Israel sagt diese Freundin: „Typisch diese Juden – nichts gelernt aus dem Holocaust ...“

Szenario 3: Beim Abendessen mit der Familie sagt meine Tochter: „In der Schule hat heute ein Freund von mir gesagt: 'Die Juden sind an allem Schuld.' Was haben die denn gemacht?“

Szenario 4: Bei einer Demonstration für den Frieden sehe ich ein Plakat eines unser Mitdemonstrierenden auf dem steht: "Beendet das faschistisch-zionistische Regime in Palästina".

Die Szenarien werden in Kleingruppen (oder in der Großgruppe) mit verteilten Rollen nachgespielt. Gemeinsam soll dann erprobt werden, wie man angemessen auf den antisemitischen Kommentar/die antisemitische Handlung reagieren kann. Damit die Gruppenmitglieder im Diskurs unterschiedliche Reaktionen auf die antisemitischen Äußerungen ausprobieren können, kann das Rollenspiel – mit unterschiedlichem Ausgang – auch mehrere Male gespielt werden. Im Anschluss wird das Ergebnis der Großgruppe vorgestellt.

Am Ende sollte eine Art Ergebnissicherung stehen, z. B. ein Aktionsplan, wie sich diese Gemeindegruppe in Zukunft gegen Antisemitismus einsetzen möchte, oder eine Abschlussrunde, bei der jede/r mit einem Satz antwortet: „Wenn mir das nächste Mal eine antisemitische Äußerung begegnet, dann ...“

1 Für den/die Moderator/in des Männerabends/der Veranstaltung wird es hilfreich sein, sich in der Vorbereitung intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Ein Standardwerk zum Thema ‚Antisemitismus‘ ist Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus?, München 2004. Weitere Informationen gibt es von der Amadeu-Antonio-Stiftung (www.amadeu-antonio-stiftung.de), z.B. "Ich habe nichts gegen Juden, aber..." (https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/ich_habe_nichts_2.pdf) oder "Kritik oder Antisemitismus" (https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/handreichung_antisemitismus_internet.pdf).

2 Bundesministerium des Inneren: Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/077/1707700.pdf (Link zuletzt geprüft am 16.12.2015), 9.

3 Antisemitismusbericht, 12.

4 Schwenke, Philipp: 'Das wird man ja wohl noch sagen dürfen...', in: ApuZ 31 (2007), online verfügbar unter http://www.bpb.de/apuz/30325/das-wird-man-ja-wohl-noch-sagenduerfen-essay (Link zuletzt am 16.12.2015), 3f.

5 Vgl. Salzborn, Samuel, 2011: Antisemitismus, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), http://www.ieg-ego.eu/salzborns-2011-de (Link zuletzt geprüft am 16.12.2015). Auf den arabisch-islamischen Antisemitismus soll in dieser Arbeitshilfe nicht eingegangen werden.

6 Vgl. Salzborn, 2011, Kap. 1: „Religiös-antijüdischer Antisemitismus (Antijudaismus)“.

7 Vgl. Salzborn, Samuel, 2011, Kap. 3 „Sekundär-schuldabwehrender Antisemitismus“.

8 Sharansky, Natan: Antisemitismus in 3-D – Die Differenzierung zwischen legitimer Kritik an Israel und dem sogenannten neuen Antisemitismus, http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm (Link zuletzt geprüft am 16.12.2015).

 

Überblick

Zielgruppe: Männer

Alternative Zielgruppen: Jugendliche, Erwachsene, Frauen, Senior/inn/en

Einsatzgebiet: Gruppenabend

Zeitumfang: 90 Minuten

Material: Computer mit Internetzugang, Beamer

Die Autoren

Henning Busse ist Landespastor für Männerarbeit und Referent für Kirche und Sport im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Maik Schwarz ist Kandidat des Predigtamtes und arbeitet zurzeit im Arbeitsfeld Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers.