Jüdisches Leben in Deutschland

Jüdisches Leben in Deutschland

Ein Gesprächsabend mit Filmen

Von Henning Busse und Maik Schwarz

Kurze Filme geben Einblicke, wie sich jüdisches Leben in Deutschland heute gestaltet, und regen zum Gespräch an.

Foto: pixabay.com

Jüdisches Leben in Deutschland – Ein Gesprächsabend in der Männerarbeit

1. Einführung ins Thema

Wir beschäftigen uns mit dem gegenwärtigen Judentum in Deutschland. Es wird ein Film gezeigt, eventuell zur Ergänzung noch ein weiterer. Doch am Anfang sollen einige Informationen stehen.
An der Spitze der Juden in Deutschland steht der Zentralrat der Juden, der 1950 gegründet wurde. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Deutschland noch etwa 15.000 Jüdinnen und Juden. Seit 1999 befindet sich der Hauptsitz des Zentralrats der Juden in Deutschland in Berlin.

Vor der NS-Zeit lebten in Deutschland zwischen 500.000 und 600.000 Juden. Jüdisches Leben war in Deutschland fest verwurzelt. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, wurden bei einer Volkszählung 502.799 Juden gezählt. Bereits sechs Jahre später hatte sich diese Zahl durch Vertreibung und Auswanderung mehr als halbiert. Bis 1941 war die Zahl der "deutschen Juden" noch einmal auf 163.000 zurückgegangen, 1943 waren es in Folge der Deportationen und gezielten Ermordungen nur noch 31.897 Jüdinnen und Juden. Zum Kriegsende hatten nur 15.000 Juden in Deutschland überlebt.

Der Zentralrat der Juden vertritt heute 23 Landesverbände mit 108 jüdischen Gemeinden, in denen mehr als 100.000 Mitglieder organisiert sind. Die Ausrichtung der Gemeinden ist unterschiedlich. Orthodoxe Gemeinden sind ebenso vertreten wie liberale. Der Zentralrat vertritt die religiösen Interessen aller Juden in Deutschland in dieser Vielfalt.

Heute leben in Deutschland etwa 250.000 jüdische Mitbürger. Die überwiegende Mehrheit davon, nämlich rund 220.000 Juden, sind seit 1989 aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. So wuchs zwar einerseits der Bedarf an Synagogen und jüdischen Freizeiteinrichtungen. Dennoch sind mehr als die Hälfte aller jüdischen Mitbürger überhaupt nicht religiös orientiert. Sie sind zwar durch ihre Abstammung jüdisch, haben aber nie ein religiöses Leben kennen gelernt.

In vielen Städten wurden Gemeinden neu gegründet und neue Synagogen gebaut. Die Integration der vielen neuen Mitglieder stellt die Gemeinden vor gewaltige Aufgaben. Es gibt häufig nur eine geringe religiöse Bildung, weil die Einwanderer niemals jüdisches Leben praktizieren konnten. Dieser Traditionsabbruch macht besondere Anstrengungen erforderlich. In vielen Gemeinden wird Religionsunterricht auf Russisch angeboten. ¹

2. Gespräch

  • Wo sind mir jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger persönlich begegnet?
  • Was habe ich von ihrer Kultur oder Religion kennen gelernt?
  • Wie ist der Umgang miteinander?


3. Vorführung eines Filmes

Zur Vorführung benötigen Sie einen Computer mit Internetzugang und einen Beamer.

Die vorgeschlagenen Filme sind Dokumentationen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Wiedergabe über die Internetplattform „Youtube“ ist rechtlich unbedenklich. Es ist nicht erlaubt, die Filme zu speichern oder zu bearbeiten.

Film: "7 Tage unter Juden" (NDR) (30 min.)

"Nikolas Müller begleitet den Rabbiner Jona Simon sieben Tage lang im Alltag und bei den Vorbereitungen der jüdischen Gemeinde in Oldenburg auf das Pessachfest. Müller war vorher noch keinem jüdischen Menschen begegnet. Während seines Filmes stellt er viele Fragen. Zum Beispiel: Wie lebt man den jüdischen Glauben heute in Deutschland? Wie feiert man seine Feste? Welches Bild haben Jüdinnen und Juden von Deutschland, ihrem Zuhause?"

Film: „Auf das Leben! Jüdisch in Deutschland“ (ARD) (60 min.)
 

„Kann es in Deutschland jemals wieder ‘normales‘ jüdisches Leben geben? Dieser Frage spürt Gesine Enwaldt in Hannover nach. Die dortige jüdische Gemeinde war vor 1933 eine der größten und reichsten Deutschlands. Davon ist im heutigen öffentlichen Bewusstsein kaum etwas geblieben. Dennoch geht der Wiederaufbau des jüdischen Lebens voran vielfältiger, widersprüchlicher und leidenschaftlicher, als manch Außenstehender ahnt. Der Film zeigt das Alltagsleben Hannoveraner Juden, die unterschiedlicher nicht sein können: Rabbi Benjamin Wolff leitet in Hannover das orthodoxe jüdische Bildungszentrum Ch[a]bad Lubawitsch. (...) Katharina Seidler [ist] die zweite Vorsitzende der liberalen [jüdischen] Gemeinde Hannovers. Sie will die alten Traditionen mit dem modernen Leben verknüpfen. (...) Tochter Rebecca Seidler hat den ersten liberalen jüdischen Kindergarten Deutschlands gegründet. Sie gibt in der neuen Synagoge, dem ganzen Stolz der jungen liberalen jüdischen Gemeinde, ihrem Freund Tino nach vier Jahren [das] Ja-Wort. (...) Professor Andor Izsàk versucht, die Musik der Synagogen, die die Nazis für immer vernichten wollten, zu neuem Leben zu erwecken.“²

Film: „Sarahs Schwestern – Jüdische Frauen in Deutschland“ (ARD) (15 min.)

„Die Rabbinerin Irit Shillor ist gebürtige Israelin. Mit den Ritualen des Judentums ist sie wie selbstverständlich groß geworden, eine besondere, religiöse Erziehung hat sie jedoch nicht genossen. Als sie nach ihrem Mathematikstudium nach England zog, lernte sie die liberale Strömung des Judentums kennen und lieben. Heute pendelt sie zwischen England und Deutschland, wo sie in der kleinen Hamelner Gemeinde als Rabbinerin tätig ist. Als religiöses Vorbild will sie ihrer Gemeinde vor allem die Gleichstellung von Mann und Frau nahe bringen. Joelle Spinner ist orthodoxe Jüdin und nimmt die religiösen Vorschriften sehr ernst. Die aus der Schweiz stammende Frau ist wie selbstverständlich mit der Orthodoxie aufgewachsen.Die promovierte Kunsthistorikerin ist verheiratet mit dem Vorsitzenden der Lauderfoundation und hat mit ihren drei Töchtern und dem Haushalt, der jede Woche am Shabbat seine Türen für Gäste aus aller Welt öffnet viel zu tun. Ihr Mann und sie kamen 2000 nach Berlin, sie waren die ersten, sichtbaren Juden am Prenzlauer Berg. Joelle Spinner zeigt, wie es gelingen kann als moderne, weltoffene Frau das orthodoxe Judentum ganz selbstverständlich hier in Deutschland zu leben.“ ³

Dies ist nur eine Auswahl an möglichen Videos, die für einen Gesprächsabend zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“ benutzt werden können. In den Online-Video-Portalen finden Sie viele weitere Dokumentationen zu dem Thema. Es empfiehlt sich, die Videos vorher anzusehen und auf Bild- und Tonqualität zu überprüfen. So kann der Gesprächsabend auf besondere Themen (z. B. Speisevorschriften) oder besondere Orte (z. B. Berlin) fokussiert werden.
 

Bei der Amadeu Antonie Stiftung finden Sie eine weitere Arbeitshilfe mit einer Liste von Filmen und Dokumentationen zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“ inklusive Hinweisen, wo diese Filme bestellt werden können (falls es am Veranstaltungsort keinen Internetzugang gibt), und Anregungen für Gespräche über diese Filme (zwar für den Einsatz in Schulen, doch diese können leicht angepasst auch für andere Gruppen genutzt werden).

4. Gespräch

Mögliche Impulsfragen für ein Gespräch über die Dokumentation:

  • Welche Szene ist mir am eindrücklichsten geblieben?
  • Gibt es eine neue Erkenntnis?
  • An welcher Stelle habe ich Fragen oder Widerstände gespürt?
  • Welche unterschiedlichen Formen des Judentums gibt es in Deutschland und worin unterscheiden sie sich? Was verbindet sie?
  • Wie stellt sich das Verhältnis von Frauen und Männern in den verschiedenen Strömungen des heute gelebten Judentums dar?
  • Wie beschreiben die Jüdinnen und Juden ihr Verhältnis zu Deutschland und zum Leben in Deutschland?
     

   1 Vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland (Hg.), Geschichte des Zentralrats der Juden in Deutschland. online verfügbar unter www.zentralratdjuden.de (zuletzt geprüft am 7.12.2015). 

   2 http://programm.ard.de/TV/daserste/auf-das-leben----juedisch-in-deutschland/eid_281068058497119 (zuletzt geprüft am 7.12.2015).

3 Infotext zum Video auf der Youtube-Seite https://www.youtube.com/watch?v=yOjDQbfMe1k (zuletzt geprüft am 7.12.2015).

 

Überblick

Zielgruppe: Männer

Alternative Zielgruppen: Jugendliche, Erwachsene, Frauen, Senior/inn/en

Einsatzgebiet: Gruppenabend

Zeitumfang: 90 Minuten

Material: Computer mit Internetzugang, Beamer, Leinwand

Die Autoren

Henning Busse ist Landespastor für Männerarbeit und Referent für Kirche und Sport im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Maik Schwarz ist Kandidat des Predigtamtes und arbeitet zurzeit im Arbeitsfeld Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.
 

Weitere Filme

Bei der Amadeu Antonie Stiftung finden Sie eine weitere

  • Arbeitshilfe mit einer Liste von Filmen und Dokumentationen zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“
  • inklusive Hinweisen, wo diese Filme bestellt werden können (falls es am Veranstaltungsort keinen Internetzugang gibt),
  • und Anregungen für Gespräche über diese Filme (zwar für den Einsatz in Schulen, doch diese können leicht angepasst auch für andere Gruppen genutzt werden).