"und du sollst ein Segen sein" (Gen 12,2) - Teil 2

„… und du sollst ein Segen sein.“ (Gen 12,2)

Seminar zum Thema Segen – Teil 2

Von Bettina Rehbein

Inhalt: Theologie des Segens, Segensformen im Alltag; Inspiration durch die jüdische Berachot-Praxis, Segen in der Bibel, der aaronitische Segen

Foto: Bettina Kratz-Ritter

Lied
2 Min.

„Herr, wir bitten: komm und segne uns“ (EG Niedersachsen-Bremen 561, Die Nummer kann in anderen Anhängen abweichen.)
Theologische Hinführung
3 Min.
 
Der Theologe Fulbert Steffensky beschreibt eine tägliche Szene aus seiner Kindheit: „Wenn wir Kinder morgens zur Schule gingen, machte uns unsere Mutter ein Kreuzzeichen auf die Stirn, sie segnete uns. Sie tat dies keineswegs in existentieller Ergriffenheit. Mit der linken Hand rührte sie im Kochtopf, mit der rechten segnete sie. Sie tat es mit so viel Intensität, wie sie uns das Butterbrot für die Schule mitgab, nicht besonders ergriffen, eher alltäglich und beiläufig. Aber ganz beiläufig gibt eine Mutter ihren Kindern das Brot nie.“1
Murmelgruppen
10 Min.
 
Kennen wir noch solche Segnungen in unserem Alltag? Kennen wir Dank- und Tischgebete (Brotsegen)? Welche Segnungsrituale in der Kirche/bei Kasualien/im Gottesdienst sind uns wichtig? Woher kommen sie biblisch? Welchen Streit gibt es um den Segen (z.B. Segnung homosexueller Paare)?
Aussprache in Kleingruppen mit kurzem Feedback aus jeder Gruppe
15 Min.
 

Wir merken: Wir Menschen sind segensbedürftig, wir brauchen Anerkennung, Schutz, Gewürdigt- und Geborgensein. Wir sind angewiesen auf den Segen, den man auch „die Grundgeste des Christentums und des Judentums"2  nennen könnte. Der Segen ist vielleicht „die dichteste und dramatischste Stelle der christlich-jüdischen Glaubensäußerung“3. Der Segen lässt mir meine Passivität, verheißt mir Gottes Mitgehen, seine Gnade und seinen Frieden. Der Theologe Fulbert Steffensky hat das einmal so ausgedrückt: In dieser Geste erlaubt sich der Gesegnete „den Sturz in das Versprechen der Geste und des Wortes“4 . Die Segnenden spenden etwas, das sie nicht haben, worüber nur Gott verfügen kann. Wie bisher deutlich geworden ist, verbindet sich Segen mit Lebenssituationen wie Tod, Geburt, Taufe, Konfirmation, Heirat, Schuld, Krankheit, Begrüßung und Abschied. In unserer kirchlichen Praxis haben wir die Segenserfahrung konzentriert auf Kasualien und Gottesdienste. Der Segen ist verdichtet und eingeengt auf den Schwellenritus. Im Alltag geht das Segnen immer mehr verloren. Kaum eine Familie betet noch ein Tischgebet, lobt und dankt Gott für empfangene Gaben. Hat das Zurückdrängen des Segens etwas mit unserer Leibfeindlichkeit zu tun? In anderen Konfessionen und Traditionen ist das Segnen auch in vielen Alltagssituationen und Einweihungsfeiern gang und gäbe (z. B. die Segnung von Autos/Schiffen/Tieren etc. in der katholischen Tradition).

Im jüdischen Verständnis ist der Segen Grundlage der Spiritualität. Die Segnungen/Preisungen durchziehen die hebräische Bibel, vor allem die Psalmen (z. B. Ps 103: überall, wo Luther „loben“ übersetzt hat, steht im Hebräischen „barach“). Den Segenssprüchen ist im Talmud der große Traktat „Berachot“ gewidmet.5

Für uns ist die Vorstellung, dass wir Gott segnen, fremd. Faktisch geht es jedoch darum, dass der Mensch den empfangenen Segen an Gott zurückgibt.6  Wenn der Kern des Segens Gottes Fürsorge und Erhaltung der Schöpfung ist, dann gibt es auch eine Mitarbeit des Menschen an der Segens-Weitergabe. Der Segen kommt zum Ziel, wenn er zu Gott zurückfließt.

Die „Beracha“, die Segensformel, wird im Judentum vielen Gebeten vorangestellt und lautet häufig: baruch atta adonai elohenu melech haolam – Gesegnet/Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, König der Welt…. Anschließend folgt der Anlass (z. B. das Segnen des Brotes). Im Judentum gibt es spezielle Segenssprüche, die vor allem die Frauen sprechen: z. B. zu Beginn des Schabbats beim Anzünden der beiden Kerzen. Stuhlmann zufolge geht es dabei nicht um eine Weihehandlung, in der das Gesegnete geheiligt wird, sondern umgekehrt: Das von Gott Geheiligte (z. B. ein Lebensmittel , ein Tier oder z.B. in der Trauung auch ein Mensch 7) wird profaniert, die Menschen preisen Gott als Eigentümer8  und erhalten im Segen das Recht, die Dinge zu gebrauchen.9

Auch Jesus kannte natürlich die Berachot, er hat regelmäßig den Segen über das Brot und den Wein gesprochen (Beispiele: Speisungen, Abendmahl, Pessach-Segen etc.). Gott bleibt dabei immer Ursprung des Segens. Paulus wiederum deutet Kreuz und Auferweckung Jesu als Akt der Vermittlung des Abrahamssegens an nichtjüdische Menschen (Gal 3,13f.). In Röm 15,9 geht er davon aus, dass er „mit dem vollen Segen Christi kommen werde.“

Theologiegeschichtlich hat die christologische Interpretation des Segens immer wieder zu einer Form der „christlichen Überbietung“ im Sinne einer „Erfüllung des Segens in Christus“ oder Marginalisierung des Segens geführt.10  Sind diese Wertungen der Grund dafür, dass das Segenshandeln aus unserem Alltag zurückgetreten ist? Auf jeden Fall können wir festhalten, dass der Wunsch nach Segen, nach Vergewisserung der Gottesbeziehung, nach göttlicher Präsenz im Leben – trotz theologischer Vernachlässigung des Segens – unvermindert fortbestanden hat.11  Dies ist vermutlich deshalb der Fall, weil wir Menschen spüren, dass wir nicht Geber und Garant unseres Lebens sind und weil wir unserer Dankbarkeit Ausdruck verleihen wollen.

Vom Judentum lernen wir: Segnen darf und soll jede/r. Und er/sie soll den Segen in den Alltag hineinnehmen und nicht Gott aus den profanen Vollzügen heraus drängen. Auch wir haben das „Priestertum aller Gläubigen“, trotzdem überlassen wir das Segnen aber häufig den hauptamtlich in der Kirche tätigen Personen. Warum?
 

Der aaronitische Segen
Num 6,24-26
und 27
Lesung und Murmelgruppen
10 Min.
 
Wie geht es mir mit dem jüdischen Segensverständnis? Kann ich davon etwas für mich aufnehmen?
Wen oder was segne ich im Alltag?
 
Bildbetrachtung „segnende Hände des Priesters“
15 Min.
 
Die für uns wichtigste Formel ist der aaronitische Segen als Abschluss des Gottesdienstes.
  • Gemeinsames Lesen des Textes – siehe Kopiervorlage ganz oben.
    a) Nach der Luther-Übersetzung (V. 27 erläutert, dass Gott im Segen seinen Namen/seine Präsenz auf Israel legt.)
    b) Nach der Übersetzung von Buber/Rosenzweig (hier der wichtige Unterschied: „ER setze dir Frieden“12 )
  • Vergleich der beiden Übersetzungen: Was fällt mir auf? Was entdecke ich neu? Was könnte das für mich bedeuten?
 
Aussprache in Kleingruppen
15 Min.

 

Projektion des Bildes „Segnende Hände des Priesters“.13
Dazu können folgende Informationen vorgelesen werden:

Auf dem Grabstein sehen wir die segnenden Hände eines Cohen (Priesters): Die Geste zeigt die gespreizten Finger, durch deren Lücken Gott hindurch schaut. Der sogenannte Priestersegen ist im 4. Buch Mose, Numeri 6,24-26 überliefert. Er wurde von Aaron und wird bis heute von seinen Nachfolgern gesprochen – wir haben ihn ja vorhin schon in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig und von Martin Luther gelesen: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Auch in den christlichen Gottesdiensten wird dieser Segen ja regelmäßig gesprochen. Dürfen wir ihn denn einfach adaptieren? Schließlich segnet Gott mit diesem Priestersegen doch sein Volk Israel!

In der frühen christlichen Tradition gab es an dieser Stelle offenbar Zurückhaltung.

Im Neuen Testament wird der Priestersegen nicht erwähnt, wohl aber Segenshandlungen Jesu (Kindersegen: Mk 10,13ff; Abschiedssegen Jesu: Lk 24 u.a.).14  Gottesdienstlich wurde der Priestersegen von Martin Luther wieder aufgenommen. Richtig durchgesetzt hat er sich erst im 19. Jhd.

Die dreifache Variation des Segens als Zusage des Schutzes, der Gnade und des Friedens spricht unser innerstes Bedürfnis nach Bewahrung und Wegbegleitung aus. Mit Paulus gedacht, ist der Segen durch die Mittlerschaft Christi zu uns Völkern gekommen (Gal 3).

Da der aaronitische Segen einerseits partikular für Israel ausgesagt ist („so sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet“ – Num 6,23) und andererseits im Schöpfungssegen (Gen 1,28) und in der Abrahams- und Sara-Verheißung universal für die Völker verstanden wird (Gen 12,2f.: „ich will dich segnen (…) und du sollst ein Segen sein (…) und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“), ist, zugespitzt gesagt, „der Segen Gottes nur als Abrahamssegen zu haben“ (sc. und nicht als reiner „Christus-Segen“).15 

In (durch/mit) Abraham sind wir Gesegnete und in/durch Christus sind wir Gesegnete und von seinem Geist Berührte. Daraus ist zu schließen: Die Segensworte, die ursprünglich zu dem jüdischen Volk gesagt wurden, gelten auch uns. Wichtig ist beim christlichen Gebrauch, dass das Erstgeburtsrecht Israels nicht bestritten wird. Christliche Identität können wir wahren, wenn wir uns bleibend auf die jüdischen Segenstraditionen beziehen. Klara Butting hat es auf den Punkt gebracht: Wir sind „mitgesegnet mit Israel“.16
 


Kurzbericht aus den Gruppen im Plenum
5 Min.



 
Konkretion: Wo könnte ich beginnen, Gott zu loben/zu segnen oder einem anderen Menschen Gottes Segen weiterzugeben?
Wie wäre es, wenn wir mit einfachen Formeln beginnen:
Gott segnen am Morgen, das Tischgebet einführen, Menschen zum Abschied segnen („Gott behüte dich“), …?!
Kann es theologisch verantwortet werden, Menschen vom Segen auszuschließen?
 
Abschluss des Seminars
15 Min.
 
Segenstexte auslegen – siehe Kopiervorlage. Ggf. können die einzelnen Segens-worte ausgeschnitten und an verschiedenen Orten im Raum verteilt werden.
Sich in Ruhe einen Satz aneignen. Sich anschließend gegenseitig mit Handauflegung (Kopf, Schulter) den Segen zusprechen.
 

 

Segenstexte in Auswahl

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
(Num 6,24-26 in der Übersetzung von Martin Luther)
 
Segne dich ER und bewahre dich,
lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig,
hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden.
(Num 6,24-26 in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig)
 
Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. (Gen 12,2)
 
Gott segne dich und behüte dich.
Segne mich, Gott.
Und ich werde ein Segen sein.
Danke, dass du gut über mich denkst,
gut über mich sprichst.
Ich möchte deinen Worten glauben.
Ich vertraue mich deinem Segen an.
Mich und alle,
die mich brauchen und die zu mir gehören.
Ich bin gespannt, wie der Weg weiter geht.
Danke, dass du jeden Schritt begleitest. Amen
(Christina Brudereck)
Der Segen des Gottes von Sarah und Abraham,
der Segen des Sohnes von Maria geboren,
der Segen des Heiligen Geistes,
der über uns wacht wie eine Mutter über ihre Kinder,
sei mit uns allen.
Amen
(Verfasserin unbekannt)
 
Du bist von Gott gesegnet. „Gepriesen bist du unter den Frauen (und gepriesen ist die Frucht deines Leibes).“
(Segen der Elisabeth, Lk 1,42)
 
Gott sei neben dir,
eine gute Freundin
an deiner Seite.
(irischer Segenswunsch)
 
Bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.
(irischer Segenswunsch)
 
Gott schenke dir Frieden.

Gott setze dir Frieden.

 

 1 Fulbert Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, Stuttgart 2006, 182f.

2 Ders., Segnen, Gedanken zu einer Geste, Vortrag bei einer Tagung der Ev.        Akademie Segeberg, Okt. 1991, in: Pastoraltheologie, Jg. 82, Heft 1, 3.

3 Ders., Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, 33.

4 Ebd., 32f.

5 Vgl. Mischna Berachot unter Art.: Bracha, http://www.talmud.de/tlmd/category/schriften/talmud/talmud-uebersetzung/mischna/mischna-berachot sowie: Walter Homolka, „Baruch“ und „Beracha“- Segen im Judentum, www.whomolka.de/PDFs/bracha.pdf 

6 Margarethe Frettlöh, Theologie des Segens, Gütersloh 1998, 24.

7 Der von Gott geheiligte und ihm gehörende Mensch wird durch den Segen in den Alltag, in den „Gebrauch“, in den „Beziehungskontakt“ überführt, während ja unser landläufiges Verständnis umgekehrt ist: Das Profane/der Profane wird durch den Segen geheiligt.

8 Ps 24,1; 1Kor 10,26.

9 Frettlöh, ebd., 391.

10 Ebd., 36 ff. Frettlöh weist diese These am Beispiel Martin Luthers, Karl Barths u.a. nach, sie bezieht sich unter anderem auch auf C. Westermann, Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche, München 1992.

11 So hat z.B. der Theologe Karl Barth den aaronitischen Segen für entbehrlich erklärt, da er keine neutestamentliche Grundlage hat und weil in Christus als dem „segnenden Gott und gesegneten Menschen“ (KD II/2,101 zitiert nach Frettlöh, 241) der Segen erfüllt ist und nicht mehr vergewissernd wiederholt werden muss. Andererseits wurde auch in den Gottesdiensten von Barth der aaronitische Segen gesprochen – vermutlich aus dem Grund, weil niemand ungesegnet nach Hause gehen will.

12 Martin Buber/Franz Rosenzweig, Die fünf Bücher der Weisung, Heidelberg 1987, 380.

13 Das Bild steht in hoher Auflösung zum Download bereit in der Box am rechten rand dieser Seite.

14  Vgl. zum Ganzen: Andreas Obermann, An Gottes Segen ist alles gelegen, Neukirchen 1998, 75 ff.

15  Frettlöh, 289.

16 Klara Butting u.a. (Hg.), Ein Segen sein. Mitgesegnet mit Israel, Wittingen 2003.

 

Überblick

Zielgruppe: Frauenkreis/Frauengruppe

Alternative Zielgruppe: Männer- oder gemischter Kreis

Einsatzgebiet: Zweiteiliges Seminar (siehe auch Teil 1)

Zeitumfang: für diesen Seminarteil ca. 100 Minuten

Material: Laptop, Beamer und Leinwand zur Projektion des Fotos „Segnende Hände des Priesters“, Kopiervorlage

Die Autorin

Bettina Rehbein ist Pastorin und Referentin im Arbeitsfeld Arbeit mit Frauen (Frauenwerk) im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Weiterführende Literatur

  • Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, Stuttgart 1985.
  • Art.: Bracha, http://www.talmud.de/tlmd/category/schriften/talmud/talmud-uebersetzung/mischna/mischna-berachot/ (zuletzt geprüft am 20.07.2015)
  • Martin Buber/Franz Rosenzweig, Die fünf Bücher der Weisung, Heidelberg 1987.
  • Klara Butting, Ein Segen sein. Mitgesegnet mit Israel, Wittingen 2003.
  • Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V. (Hg.), Segen in meinem Leben, Darmstadt o.J.
  • Roland Gradwohl, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Band 3, Stuttgart 1988,86-96.
  • Walter Homolka, „Baruch“ und „Beracha“- Segen im Judentum, www.whomolka.de/PDFs/bracha.pdf (zuletzt geprüft am 20.07.2015).
  • Margarethe Frettlöh, Theologie des Segens, Gütersloh 1998.
  • Andreas Obermann, An Gottes Segen ist alles gelegen. Eine Untersuchung zum Segen im Neuen Testament, Neukirchen 1998.
  • Fulbert Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998.
  • Ders.: Segnen. Gedanken zu einer Geste, Vortrag bei einer Tagung in der Ev. Akademie Segeberg im Oktober 1991, in: Pastoraltheologie, Jg. 82, Heft 1, 2-11
  • Hermann Schoenauer, Leben segnen, Rituale für den Alltag, Gütersloh 2009.