Aus Alt mach Neu?

Aus Alt mach Neu?

Ein Gemeindeabend zum Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament

Von Matthias Hopf

 

In lockerer Runde werden die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von AT und NT thematisiert (evtl. im Rahmen eines Gemeindeabend-Zyklus; vgl. die anderen beiden Beiträge des Autors in dieser Arbeitshilfe:

Ablauf:

Dauer Methode & Inhalt Matererial etc.
5 Min. ggf. Ankommensrunde mit kurzer Vorstellung  
10 Min. Kurzreferat:
Grundinformationen zum Verhältnis AT – NT
(kann alternativ auch zu einem späteren Zeitpunkt im Ablauf erfolgen, bspw. erst nach der ersten Gruppenarbeit)
Schaubild 1
5 Min. Gelegenheit für Rückfragen  
20 Min. Gruppenarbeit:
Auseinandersetzung mit den drei wichtigsten Verhältnisbestimmungen AT – NT (Ablösung; Verheißung – Erfüllung; Weiterführung und Ausweitung)
Arbeitsaufträge:
  • a) Verständnisklärungen im gegenseitigen Austausch
  • b) Welcher der drei Verhältnisbestimmungen stehe ich am nächsten?
  • c) Was ist positiv an den jeweiligen Verhältnisbestimmungen, was könnte daran jeweils auch negativ sein?
(ggf. Frage b und c auch in umgekehrter Reihenfolge)
Textzettel
„Das AT ist …“
20 Min. Plenumsgespräch Teil 1:
Austausch über die Ergebnisse der Gruppenarbeit
 
30 Min.

Plenumsgespräch Teil 2:
Vertiefung durch Einbringung zentraler ntl. Bibelstellen

  • Gal 3,23–27 (Ablösung)
  • Joh 5,36–39 (Verheißung – Erfüllung)
  • Lk 10,25–37 (Bestätigung & Öffnung der Verheißung)

Textzettel der
neutestamentlichen Bibelstellen

Erläuterung:

Kurzreferat:

Erstes Ziel ist, die Vielfalt der biblischen Traditionsströme plastisch darzustellen. Dazu kann das Schaubild des „Flussdeltas“ der biblischen Tradition dienen (siehe Anhang). Daran soll deutlich werden, dass die atl. Überlieferung von Beginn an viele unterschiedliche theologische Strömungen enthalten hat, die wie Flussläufe erst nach und nach zueinanderfanden. Diese Vielfalt setzte sich in der weiteren Geschichte fort: Es gab unterschiedliche „Abschreibtraditionen“, die z. T. sehr unterschiedliche Fassungen der einen Bibel enthalten. Die Differenzen sind bisweilen durchaus gravierend und können auf unterschiedliche theologische Vorstellungen zurückgehen. Zwei der wichtigsten Traditionslinien sind der hebräische Masoretische Text (MT) und die griechische Septuaginta (LXX). Ein wichtiger Unterschied zwischen ihnen ist bspw. die Positionierung der Prophetenbücher: Im MT folgen sie auf die Tora als ihre Auslegung. In der Septuaginta hingegen stehen sie am Schluss als Bindeglied zum NT.1

Das zweite Ziel besteht darin zu zeigen, wie sich die Auslegungstraditionen in den Gruppen, aus denen sich dann mit der Zeit das Christen- und Judentum entwickelt haben, ab der Zeit Jesu voneinander entfernt haben. Dieses Auseinanderdriften ist bereits in der Verfasstheit des Judentums zur Zeit Jesu angelegt: Während bspw. die Gruppe der Sadduzäer nur die Tora als verbindliche heilige Schrift akzeptierten, beriefen sich Pharisäer sowie die Jesusbewegung auch auf die Propheten und Schriften. Die Qumrangemeinde verwendete noch weitere Schriften. Aber auch wenn sich pharisäisches/rabbinisches Judentum und Christentum in etwa auf die gleiche Schriftgrundlage berufen, haben sie diese dabei sehr unterschiedlich ausgelegt.

Das rabbinische Judentum konzentriert sich stark auf die Tora und deren Weisungen – es geht um die „Orthopraxie“ (richtiges Handeln), also wie sich rechter Glaube konkret im Alltagsleben niederschlägt. Das junge Christentum hingegen nimmt stärker die prophetischen Schriften in den Blick – es geht um die „Orthodoxie“ (richtige Lehre), also wie Leben und Sterben Jesu richtig zu verstehen sei. Aufgrund dieser unterschiedlichen Interessen driften jüdische und christliche Auslegung auseinander.

Das dritte Ziel ist, zu zeigen, wie das Christentum in seiner Geschichte immer wieder um sein Verhältnis zum AT gerungen hat. Regelmäßig gab es Versuche, das AT aus dem christlichen Kanon zu entfernen. Bereits Marcion (Anfang 2. Jh. n. Chr.) wollte die Bibel auf einen Rumpfkanon ohne AT reduzieren. Dieser „Marcionismus“ wurde schnell als unchristlich abgelehnt. Der Gedanke, auf das AT zu verzichten, tauchte aber auch später wieder auf, so bspw. im sog. „Deutschen Christentum“. Aber auch ernst zu nehmenden Theologen wie F. D. E. Schleiermacher oder zuletzt N. Slenczka neigen in diese Richtung. Problematisch daran ist, dass der Blick zu sehr „christologisch verengt“ wird: Heilsrelevant ist nahezu ausschließlich die Christus-Begegnung und die Christus-Erfahrung. Ob gewollt oder ungewollt tritt dadurch jedoch die übrige Heilsgeschichte in den Hintergrund oder wird faktisch bedeutungslos. Leben und Sterben Christi ist aber ohne diesen Hintergrund nicht verständlich.

Zugegebenermaßen gibt es aber im NT Stellen, die man als Abwertung des AT missverstehen kann,²  wie die Kirchengeschichte deutlich macht. In der christlichen Auslegung dominierten lange zwei Verhältnisbestimmungen: Ablösung des AT (und des Judentums) durch das NT (und das Christentum) sowie das Schema „Verheißung im AT und endgültige Erfüllung in Christus“. Zuletzt tritt verstärkt eine dritte Deutung neben die ersten beiden Sichtweisen: die Vorstellung, dass das NT das Anliegen des AT aufgreift, weiterführt und auf alle Menschen ausweitet.

Gruppenarbeit:
Die Teilnehmenden sollen sich in Vertrauensgruppen (Größe ca. 3-4 Personen) über die drei Verhältnisbestimmungen von AT und NT austauschen.

Das Gespräch strukturieren folgende Arbeitsaufträge:
a)    Verständnisklärungen im gegenseitigen Austausch
b)    Welcher der drei Verhältnisbestimmungen stehe ich am nächsten?
c)    Was ist positiv an den jeweiligen Verhältnisbestimmungen, was könnte daran jeweils auch negativ sein?

Zunächst sollten die Teilnehmenden gemeinsam versuchen, Unklarheiten auszuräumen (vgl. Frage a). Als Einstieg für das eigentliche Gruppengespräch dient Frage b mit ihrem Bezug auf die je individuellen Vorstellungen. Vielen Teilnehmenden dürfte dabei das Schema „Verheißung – Erfüllung“ naheliegen. Inhaltlicher Fokus sollte dann aber die Beschäftigung mit Frage c sein, also welche Stärken und Schwächen die drei Verhältnisbestimmungen aufweisen. Alternativ können die Fragen b und c in umgekehrter Reihenfolge bearbeitet werden – je nachdem, ob die Betonung mehr auf den individuellen Vorstellungen oder der Beschäftigung mit den Sachfragen liegen soll. Da es sich jedoch um eine Gruppenarbeit handelt, dürfte der Einstieg mit den persönlichen Fragestellungen leichter fallen.

Die Gruppen erhalten Impulszettel (siehe Download), auf denen die drei Verhältnisbestimmungen thesenartig zusammengefasst sind. Darauf ist auch noch genügend Raum zum eventuellen Festhalten von Ergebnissen.
Alternativ kann arbeitsteilig verfahren werden (jede Gruppe bespricht nur je eine Verhältnisbestimmung von AT und NT).

Plenumsgespräch Teil 1:

Zunächst sind im Plenum die Ergebnisse aus den Gruppengesprächen zusammenzuführen (v. a. wenn arbeitsteilig diskutiert wurde). Sollten noch Fragen offen sein (vgl. Frage a), müssen diese zunächst geklärt werden. Die persönlichen Positionierungen (vgl. Frage b) können – je nach Vertrauensatmosphäre in der Gesamtgruppe – nochmals im Plenum thematisiert werden. Wichtiger dürfte aber die Auseinandersetzung mit Frage c sein. Hier sollte deutlich werden, dass alle drei Verhältnisbestimmungen das christlich-jüdische Verhältnis in je unterschiedlicher Art und Weise prägen:

  • Das nach wie vor sehr wirkmächtige erste Deutungsschema „Ablösung“ findet sich sehr oft in der älteren Kunstgeschichte wie bei Darstellungen des Verhältnisses von AT und NT in Kirchen, auf Gemälden etc. Die Teilnehmenden sollten hierfür sensibilisiert werden. Wenn in der eigenen Kirche eine solche Darstellung vorhanden ist, wäre es gut, kurz darauf einzugehen. Dieses Schema ist eng mit der „Substitutionslehre“ verwandt, der zu Folge die Kirche das jüdische Volk im Heilsplan Gottes vollständig ersetzt hat: Nicht mehr Israel ist erwählt, sondern nur noch die Kirche (was aber Röm 11,25-29 widerspricht). Eine solche Ablösungs-Auffassung verhindert jegliches christlich-jüdische Gespräch auf Augenhöhe.
  • Die Verhältnisbestimmung „Verheißung – Erfüllung“ ist weit verbreitet. Dieses Interpretationsschema ist sehr verführerisch: Vieles im AT ist für uns schwer anders als auf Christus bezogen zu hören – weil wir in dieser Auslegungsgeschichte stehen. Problematisch ist aber, dass diese Deutung gerne verabsolutiert wird. Es sollte daher versucht werden, eine Offenheit für die jüdische Bibelrezeption zu schaffen, die sich in anderer Weise auf dieselben biblischen Texte bezieht und dabei auch oft andere Schwerpunkte setzt. Eine solche Offenheit lässt uns bspw. sehen, dass die für uns so zentralen „messianischen“ Stellen innerhalb des AT eher Randerscheinungen sind. Weiterhin ist diese Deutung deshalb gefährlich, weil der Begriff „Erfüllung“ meist so verstanden wird, dass damit die Verheißung zu einem Ende gekommen ist. Es sollte aber betont werden, dass das NT ebenfalls ein „offenes Ende“ hat: Auch für die christliche Hoffnung steht die endgültige Erfüllung der Verheißung noch aus. Wir warten auf die Wiederkehr Christi und die Vollendung des Heils (vgl. dazu bspw. 1 Kor 13,12 oder Offb 21). So öffnet das NT einen Verheißungsraum für uns Christen, wie es in der dritten Interpretation deutlich wird.
  • Dass wir Christen in diesen offenen Verheißungsraum des AT mit eingetreten sind, ist schließlich die Grundlage für das dritte Deutungsschema von „Bestätigung und Öffnung der Verheißung“. Vermutlich wird es nur von einem kleinen Teil der Teilnehmenden vertreten, wenn es überhaupt bekannt ist. Das Schema erkennt das AT als die Grundlage für Juden- wie Christentum an, lässt aber Raum für die „zweifache Nachgeschichte“ des AT in beiden Religionen. Wichtig ist, dass dabei das griechische πληρόω („erfüllen“) eben gerade nicht im Sinne von „abtun“ bzw. „zu einem Ende bringen“ verstanden wird. Treffender scheint nämlich ein Verständnis einer „Erfüllung“ im Sinne von „Bekräftigen, Bestätigen“ oder „voll Entsprechen“. Das AT wird dabei auch als die „Schrift der Schrift“, also der theologische Ausgangs- und Bezugspunkt für das NT verstanden. Das NT führt dabei bspw. die sozialkritische Linie wichtiger Propheten ebenso fort wie den ganz grundlegenden Glauben an den Schöpfergott. Gleichzeitig greift es universalisierende Tendenzen des AT auf (vgl. bspw. Jes 2,2-5) und führt sie konsequent weiter, indem es die frohe Kunde vom Gott Israels in die Welt unter die „Heiden“ trägt, wie nicht zuletzt an der Apostelgeschichte deutlich wird. Oder in den Worten Crüsemanns: Das NT und damit das Christentum zeichnet sich ein in den „Wahrheitsraum“, den das AT zuallererst eröffnet hat.³

Plenumsgespräch Teil 2:

Ein Impuls für eine weiterführende Schlussrunde können die genannten Bibelstellen sein. Sie zeigen, dass alle drei Deutungen ihre Wurzeln im NT haben. Es geht dabei aber nicht um die nachträgliche biblische Legitimierung insbesondere des „Ablösungs“-Schemas. Vielmehr soll an Gal 3 deutlich werden, dass man schnell zu entsprechenden Missverständnissen gerade von Paulus-Stellen gelangen kann. In der Zusammenschau z.B. mit Röm 3,31 sieht man aber, dass Paulus keineswegs die Tora vollkommen abgelöst sah – sie war und blieb für ihn Heilige Schrift.4 Eine solche konfrontative Auseinandersetzung ist deshalb so wichtig, weil nur dadurch Fehlinterpretationen dieser Art nachhaltig überwunden werden.

Mit Blick auf Joh 5 muss klar werden, dass es aus christlicher Sicht auch im christlich-jüdischen Dialog niemals einen völligen Verzicht auf die christologische Auslegung des AT geben kann. Nur müssen wir uns klar machen, dass man das AT so lesen kann, aber nicht muss.

Am berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10) schließlich erkennt man einerseits die Bestätigung der Verheißung (Heil für die Menschen), gleichzeitig aber auch die schon atl. angelegte weitere Öffnung für Nicht-Juden. Diese Bestätigung und Öffnung der atl. Verheißung wird insbesondere auch daran deutlich, dass hier explizit an Dtn 6,5 und Lev 19,18 angeknüpft wird. Die theologische Pointe daran ist jedoch die Einbettung in ein Lehrgespräch mit einem jüdischen Schriftgelehrten, das auf Augenhöhe stattfindet. Und es endet im Konsens zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten: Der Nächste ist nicht nur ein Volksgenosse, sondern der nächste Mensch schlechthin – ethnische Grenzen können im Glauben an den einen Gott nicht trennen (Gal 3,28).

1 Wichtig zu wissen ist, dass heute die unterschiedlichen Überlieferungslinien (insbesondere MT und LXX) als prinzipiell „gleichrangig“ erachtet werden. Vgl. dazu auch die gute Einführung in die Fragen der biblischen Textgrundlage bei Erich Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, Kohlhammer-Studienbücher Theologie 1,1, 8., vollständig überarbeitete Auflage, Stuttgart 2012, insbesondere 55-59.

2 Eine gute Auseinandersetzung mit solchen leicht falsch zu deutenden Stellen bietet Frank Crüsemann, Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel, Gütersloh 2011, 110-135.

3 Vgl. dazu auch Crüsemann, Alte Testament, 255-257 und 315-341.

4 Das Verhältnis von Paulus zur Tora ist sehr kompliziert und kann hier nicht im Detail nachgezeichnet werden. Eine interessante Deutung der oft widersprüchlichen Aussagen des Paulus bietet an: John Gager, Reinventing Paul, Oxford u.a. 2000. Er geht davon aus, dass sich Paulus in seinen Briefen ausschließlich an Heidenchristen wendet. Insofern lehnt er Beschneidung und Gebote nur dann ab, wenn sie Heiden auferlegt werden. Für Juden bleiben alle Forderungen der Tora bestehen.

 

Überblick

Zielgruppe: junge Erwachsene (ca. 20-40 Jahre alt) mit 6 bis 15 Teilnehmenden (ggf. auch größere Gruppen)

Alternative Zielgruppen: Frauenkreise, Männerkreise, sonstige Haus-/Bibelgesprächskreise

Einsatzgebiet: Erwachsenenbildung, Gemeindeabend

Zeitumfang: ca. 90 Minuten. Bei Durchführung des ganzen Zyklus möglichst in zeitlicher Nähe zu den anderen Gemeindeabenden (z.B. innerhalb eines Monats oder als Studientag)

Material: Textzettel (Downloads)

Foto: Magdalena Kucova/fotolia.de

Der Autor

Dr. Matthias Hopf ist Pfarrer und Wissenschaftlicher Assistent im Fach Altes Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau der Ev.-Luth. Kirche in Bayern.